|
|
Die deutsche
Sprache ist wieder wer! Nachdem die bundesdeutsche Regierung, zusammen mit der
österreichischen, erfolgreich Deutsch als Übersetzungssprache bei informellen
EU-Ministertreffen während der finnischen Ratspräsidentschaft durch Boykott durchgesetzt
hat (siehe auch News), können unsere Politiker und ihre
Wasserträger wieder ungehemmt parlieren (und müssen nicht im schönsten Schulenglisch
radebrechen). Das war nicht immer so. Noch 1997 schämten sich viele Deutsche ihrer
Sprache:
| Der gebremste Sprachstolz der
Deutschen (AP 14.03.1997) Wissenschaftler
zeichnen Formulierungstraditionen nach - Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache
Mannheim (AP) Mehr als 400
Sprachwissenschaftler haben auf der Jahrestagung des deutschen Instituts für Sprache
(IDS) in Mannheim Formulierungstraditionen und Sprachmoden dieses Jahrhunderts
nachgezeichnet. "Eine kultische Verehrung der deutschen Sprache gibt es seit Beginn
der Nachkriegszeit nicht mehr", sagte IDS-Wissenschaftler Gerhard Stickel am
Donnerstag. Beim Klang des Deutschen laufe niemandem mehr ein Schauer über den Rücken.
Statt dessen gebe es einen Trend zum gebremsten Sprachstolz der Deutschen. Eine
Untersuchung unter deutschen EU-Beamten in Brüssel habe gezeigt, daß sie eher ein
schlechtes Englisch sprächen als das vermeintlich provinzielle Deutsch, sagte Stickel.
Die Ursache dieser Tendenz gehe auf die NS-Greueltaten zurück und den Schuldvorwurf aus
dem Ausland. Aber: "Nicht die deutsche Sprache ist schuld an Auschwitz", sagte
Stickel. Die Tagung habe schließlich deutlich gemacht, daß Sprache kein eigenständiges
Wesen sei, ergänzte IDS-Wissenschaftlerin Heidrun Kämper. Derjenige, der die Sprache
gebrauche, müsse dafür gerade stehen. Die Tagung habe auch gezeigt, daß viele
Redewendungen aus der NS-Zeit heute in Variationen verwendet würden. So habe der
NS-Verbrecher Hermann Göring bei seinem ersten Vier-Jahres-Plan die Kampagne "Kampf
dem Verderb" ins Leben gerufen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung habe später "Kampf
dem Atomtod" gefordert. Die Redewendung, etwas "bis zur Vergasung" zu tun,
stamme dagegen nicht aus der NS-Zeit, sagte Stickel. Diese Formulierung sei zu Beginn der
Industrialisierung aufgekommen, als Kohle vergast wurde. Die Rechtsschreibreform war auf
dem Treffen kein Thema. "Was immer man derzeit zur neuen Rechtschreibung sagt, kann
gegen einen verwendet werden," erklärte Stickel. Aber auch in der Diskussion um die
Reform würden Formulierungstraditionen erkennbar. So sei diese als
"sprachwissenschaftliche Unzucht mit Minderjährigen" bezeichnet worden. Dabei
gebe es bisher bei Lehrern und Schülern durchaus positive Erfahrungen. Die Schüler
machten weniger Fehler, sagte der Wissenschaftler. |
Die Sorgen, die sich Stickel 1997 gemacht hat, sind nun
auch unbegründet. Die deutschen Presseagenturen und die meisten deutschen Zeitungen und
Zeitschriften haben die Urlaubszeit genutzt, handstreichartig die neue Rechtschreibung
einzuführen. Seit dem 1. August 1999 gibt es so gut wie keinen Artikel über die
"Ladenschlusszeiten" und das "Scheinselbstständigengesetz" mehr, in dem nicht das Doppel-ss anstelle
des vorher verwendeten "ß" vorkommt. Und damit auch jeder Dummkopf merkt, was
die Stunde geschlagen hat, gibt es "Tipps" zur
neuen Rechtschreibung, die von etlichen inzwischen "Knechtschreibung" genannt
wird. Solche Formulierungen sollten Anlaß sein, den Verfassungsschutz zur Beobachtung
derartiger aufsässiger Subjekte auszusenden. Zumindest wäre es sinnvoll, Bürger, deren
Schreiben den neuen Regeln nicht genügen, schon mal prophylaktisch in Dateien zu sammeln:
man weiß ja nie!
Während sich das deutsche Rechtsschreibvolk schriftlich
abgrenzt vom Rest der deutschschreibenden Welt, sofern die sich nicht vereinnahmen läßt,
wird an der Front der Sprachbewahrung nach wie vor heftigst gekämpft. So haben die
Agenturen zwar den "Tip" zum "Tipp" eingedeutscht, aber nicht den
"Bus", obwohl dem kurzen "u" ein "s" folgt, das danach
schreit, verdoppelt zu werden: *"der Buss". Auch das "Ketchup" bleibt
in seiner englischen Orthographie erhalten; auch hier hat die Reform nur halbherzig
gegriffen, indem sie aus "ketch" zwar "ketsch" machte, aber das
"up" (gesprochen: [ap]) nicht zu "ap" umformte
(*"Ketschapp"). Die Umwandlung von "Email" zu "E-Mail" ist
sogar vollends mißlungen. Dabei haben die Sprachschützer mit der lautlichen Umstellung
zu "Imehl" oder der inhaltlichen zu "Drahtpost" (siehe auch Vorschläge der Sprachschützer) sicherlich konsequenter gedacht.
Wenn die Deutschen all den bürokratischen Vorschriften
gehorchen, die über sie hereingebrochen sind, wird aus dem Volk der Dichter und Denker
schnell ein Volk der Wörterbuchblätterer. Kein Satz ist mehr möglich, ohne daß schnell
nachgeguckt werden muß, ob dieses oder jenes Wort zusammen- oder getrennt-, groß- oder
kleingeschrieben werden muß, ganz zu schweigen von solch fundamentalen Fragen, ob man
"geben" nicht doch besser *"gaeben" schreibt, weil es schließlich von
"Gabe" kommen könnte. Trennen braucht man ja zum Glück nicht mehr, das macht
das Textverarbeitungsprogramm ("Alter-steilzeit").
Bei all dem ist es vielleicht kein Wunder, daß es nach
200-jähriger Wissenschaftsgeschichte kein Germanist oder Sprachwissenschaftler
fertiggebracht hat, eine deutsche Grammatik zu erstellen, die dieser Sprache gerecht wird.
Nach wie vor ist die Lateingrammatik beherrschend, selbst in neueren Veröffentlichungen
(z.B. im Internet: Grammatik,
Rechtschreibung, Zeichensetzung), auch wenn sie durch die "inhaltsbezogene
Grammatik" oder die "generative Transformationsgrammatik" modifiziert
wurde. Daß soviele Wörter nach der Rechtschreibreform neuerdings großzuschreiben
sind, ist der Orientierung an den Wortarten (Nomina) und der Verkennung von
Grammatikalisierungen zu verdanken. |