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Sprache Deutsch: Einführung von 1999

 
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         Die deutsche Sprache ist wieder wer! Nachdem die bundesdeutsche Regierung, zusammen mit der österreichischen, erfolgreich Deutsch als Übersetzungssprache bei informellen EU-Ministertreffen während der finnischen Ratspräsidentschaft durch Boykott durchgesetzt hat (siehe auch News), können unsere Politiker und ihre Wasserträger wieder ungehemmt parlieren (und müssen nicht im schönsten Schulenglisch radebrechen). Das war nicht immer so. Noch 1997 schämten sich viele Deutsche ihrer Sprache:
Der gebremste Sprachstolz der Deutschen (AP 14.03.1997)

Wissenschaftler zeichnen Formulierungstraditionen nach - Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache

Mannheim (AP) Mehr als 400 Sprachwissenschaftler haben auf der Jahrestagung des deutschen Instituts für Sprache (IDS) in Mannheim Formulierungstraditionen und Sprachmoden dieses Jahrhunderts nachgezeichnet. "Eine kultische Verehrung der deutschen Sprache gibt es seit Beginn der Nachkriegszeit nicht mehr", sagte IDS-Wissenschaftler Gerhard Stickel am Donnerstag. Beim Klang des Deutschen laufe niemandem mehr ein Schauer über den Rücken. Statt dessen gebe es einen Trend zum gebremsten Sprachstolz der Deutschen. Eine Untersuchung unter deutschen EU-Beamten in Brüssel habe gezeigt, daß sie eher ein schlechtes Englisch sprächen als das vermeintlich provinzielle Deutsch, sagte Stickel. Die Ursache dieser Tendenz gehe auf die NS-Greueltaten zurück und den Schuldvorwurf aus dem Ausland. Aber: "Nicht die deutsche Sprache ist schuld an Auschwitz", sagte Stickel. Die Tagung habe schließlich deutlich gemacht, daß Sprache kein eigenständiges Wesen sei, ergänzte IDS-Wissenschaftlerin Heidrun Kämper. Derjenige, der die Sprache gebrauche, müsse dafür gerade stehen. Die Tagung habe auch gezeigt, daß viele Redewendungen aus der NS-Zeit heute in Variationen verwendet würden. So habe der NS-Verbrecher Hermann Göring bei seinem ersten Vier-Jahres-Plan die Kampagne "Kampf dem Verderb" ins Leben gerufen. Die Anti-Atomkraft-Bewegung habe später "Kampf dem Atomtod" gefordert. Die Redewendung, etwas "bis zur Vergasung" zu tun, stamme dagegen nicht aus der NS-Zeit, sagte Stickel. Diese Formulierung sei zu Beginn der Industrialisierung aufgekommen, als Kohle vergast wurde. Die Rechtsschreibreform war auf dem Treffen kein Thema. "Was immer man derzeit zur neuen Rechtschreibung sagt, kann gegen einen verwendet werden," erklärte Stickel. Aber auch in der Diskussion um die Reform würden Formulierungstraditionen erkennbar. So sei diese als "sprachwissenschaftliche Unzucht mit Minderjährigen" bezeichnet worden. Dabei gebe es bisher bei Lehrern und Schülern durchaus positive Erfahrungen. Die Schüler machten weniger Fehler, sagte der Wissenschaftler.

Die Sorgen, die sich Stickel 1997 gemacht hat, sind nun auch unbegründet. Die deutschen Presseagenturen und die meisten deutschen Zeitungen und Zeitschriften haben die Urlaubszeit genutzt, handstreichartig die neue Rechtschreibung einzuführen. Seit dem 1. August 1999 gibt es so gut wie keinen Artikel über die "Ladenschlusszeiten" und das "Scheinselbstständigengesetz" mehr, in dem nicht das Doppel-ss anstelle des vorher verwendeten "ß" vorkommt. Und damit auch jeder Dummkopf merkt, was die Stunde geschlagen hat, gibt es "Tipps" zur neuen Rechtschreibung, die von etlichen inzwischen "Knechtschreibung" genannt wird. Solche Formulierungen sollten Anlaß sein, den Verfassungsschutz zur Beobachtung derartiger aufsässiger Subjekte auszusenden. Zumindest wäre es sinnvoll, Bürger, deren Schreiben den neuen Regeln nicht genügen, schon mal prophylaktisch in Dateien zu sammeln: man weiß ja nie!

Während sich das deutsche Rechtsschreibvolk schriftlich abgrenzt vom Rest der deutschschreibenden Welt, sofern die sich nicht vereinnahmen läßt, wird an der Front der Sprachbewahrung nach wie vor heftigst gekämpft. So haben die Agenturen zwar den "Tip" zum "Tipp" eingedeutscht, aber nicht den "Bus", obwohl dem kurzen "u" ein "s" folgt, das danach schreit, verdoppelt zu werden: *"der Buss". Auch das "Ketchup" bleibt in seiner englischen Orthographie erhalten; auch hier hat die Reform nur halbherzig gegriffen, indem sie aus "ketch" zwar "ketsch" machte, aber das "up" (gesprochen: [ap]) nicht zu "ap" umformte (*"Ketschapp"). Die Umwandlung von "Email" zu "E-Mail" ist sogar vollends mißlungen. Dabei haben die Sprachschützer mit der lautlichen Umstellung zu "Imehl" oder der inhaltlichen zu "Drahtpost" (siehe auch Vorschläge der Sprachschützer) sicherlich konsequenter gedacht.

Wenn die Deutschen all den bürokratischen Vorschriften gehorchen, die über sie hereingebrochen sind, wird aus dem Volk der Dichter und Denker schnell ein Volk der Wörterbuchblätterer. Kein Satz ist mehr möglich, ohne daß schnell nachgeguckt werden muß, ob dieses oder jenes Wort zusammen- oder getrennt-, groß- oder kleingeschrieben werden muß, ganz zu schweigen von solch fundamentalen Fragen, ob man "geben" nicht doch besser *"gaeben" schreibt, weil es schließlich von "Gabe" kommen könnte. Trennen braucht man ja zum Glück nicht mehr, das macht das Textverarbeitungsprogramm ("Alter-steilzeit").

Bei all dem ist es vielleicht kein Wunder, daß es nach 200-jähriger Wissenschaftsgeschichte kein Germanist oder Sprachwissenschaftler fertiggebracht hat, eine deutsche Grammatik zu erstellen, die dieser Sprache gerecht wird. Nach wie vor ist die Lateingrammatik beherrschend, selbst in neueren Veröffentlichungen (z.B. im Internet: Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung), auch wenn sie durch die "inhaltsbezogene Grammatik" oder die "generative Transformationsgrammatik" modifiziert wurde. Daß soviele Wörter nach der Rechtschreibreform neuerdings großzuschreiben sind, ist der Orientierung an den Wortarten (Nomina) und der Verkennung von Grammatikalisierungen zu verdanken. 

ascii-catManche behaupten, ASCII sei eine Sprache. In einem offiziellen Schreiben, das mir jüngst vor die Augen kam, war sogar von einer Programmiersprache die Rede. Ob es die inzwischen auch als objektorientierte Version gibt (ASCII++)?

Im guten alten 7-Bit-Code gab es noch keine Sonderzeichen, und man mußte schreiben: "Ich bin ueber alle Massen gluecklich". Na ja, ueber Masseinheiten laesst sich vortrefflich streiten. ASCII ist auch keine Sprache der Liebe, auch wenn dieser Code für so manche Liebesschwüre herhalten muß. Ob handschriftlich, gekrakelt oder mit der neusten Office-Version aus dem Haus der Sternentruppe: lügen kann man mit oder ohne korrekte Knechtschreibung.

Last Update: 16.09.12

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